Kunst im Spital

Ein Text von Timon R. Böse, Kunsthistoriker, Berlin

Die Räumlichkeiten der Luzerner Kantonsspitäler werden seit 2013 von professionellen Schweizer Künstlerinnen und Künstlern mit Werken von hoher ästhetischer Qualität ausgestaltet. Erklärtes Ziel von «Kunst im Spital» ist es, der oft ernsten, sorgenvollen und funktionalen Atmosphäre eines Krankenhauses mit positiver und hoffnungsvoller Kunst zu begegnen. Rückmeldungen und Reaktionen von Besucherinnen und Besuchern, Patientinnen und Patienten sowie Spitalspersonal fließen seit über einem Jahrzehnt in das Projekt ein, so dass immer wieder neue Werke und Ausstellungen entstehen können.

Welche künstlerischen Arbeiten passen in ein Spital? Ohne Frage muss die Kunst der hier gezeigten Ausstellungen und Projekte eine gewisse Reife und Würde verkörpern, ohne schwer oder gar anstrengend daherzukommen. Zugleich ist es vielen Menschen im Spitalumfeld ein Anliegen, Buntes, Überraschendes, Spielerisches, also Kunst mit einer gewissen Leichtigkeit zu erleben. Schwere und ernste Themen sind in einem Krankenhaus bereits zur Genüge vorhanden. Für die Kunstschaffenden ist es wichtig, sich der Bedeutung ihrer Kunst an diesem Ort bewusst zu werden und dann Objekte und Bilder zu schaffen, die dieser Ambition gerecht werden.

Das Kunstkonzept «Kunst im Spital» ist eine grosse Bereicherung und wir sind sehr froh um dieses umfassende Kunstprogramm für das LUKS.
Nils Eichbaum, Leiter Bau, Luzerner Kantonsspital

«Kunst im Spital» ist spielerisch, leicht und fröhlich – sie will also oft das Gegenteil vom «Krankenhausgefühl» vermitteln. Diesem Anspruch nähert sich das Projekt über seine besonderen künstlerischen Ausdrucksformen wie etwa helle und positive Farben oder reduzierte Formen und Linien. Jüngere Arbeiten des Jahres 2024 sind oft reduziert ein- und zweifarbig, wir können sie überall finden, auf Fenstern, Türen und Wänden.

Aus Sicht der zeitgenössischen Kunstwelt, die aktuell in den Galerien und Museen provokativ und schrill daherkommen kann, sind Kunstwerke, welche Ruhe, Halt, Trost und Aufmunterung ausstrahlen, eher ungewöhnlich. Doch die «Kunst im Spital» sucht keine Legitimation durch schwere Themen – sie will das Gegenteil von Sorgen und Schmerz ausstrahlen. Und wenn Kunst wirklich alles darf, warum soll sie sich nicht auch spielerisch und hoffnungsvoll zeigen? Kunst darf das, umso mehr in diesem speziellen öffentlichen Umfeld.

Ziel der «Kunst im Spital» ist auch explizit nicht eine belastende Auseinandersetzung mit krankheitsbedingten Sorgen oder eine Aufarbeitung medizinischer Themen - positive Energie ist ihre Inspiration und Legitimation, sie existiert auch für Menschen, die sich mit schwierigen Situationen konfrontiert sehen.

Es ist wirklich eine sehr gute Kooperation, die wir da haben.
Prof. Dr. Christoph Henzen, Chefarzt, Departementsleiter Medizin und Mitglied der Geschäftsleitung, Luzerner Kantonsspital

Die Luzerner Kantonsspitäler sind Arbeitsplatz für Tausende von Mitarbeitenden, Hunderttausende von Menschen nehmen hier jährlich medizinische und pflegerische Leistungen in Anspruch, besuchen oder begleiten jemanden, und all diese Menschen sind nicht in erster Linie auf Kunstgenuss aus. Das Luzerner Kantonsspital ist also ein wirklich besonderer öffentlicher Raum, in dem sich Menschen aus der ganzen Gesellschaft bewegen, Kunstinteressierte wie Nicht-Kunstinteressierte. Viele Räume des Spitals wurden und werden mit Ausstellungen bespielt, Tausende von Werken wurden in dieser Zeit auf- und abgebaut. «Kunst im Spital» hat in dieser Auseinandersetzung viele Erfahrungen sammeln können.

Heute ist der Prozess partizipativ in der Medizin […] Das ist quasi wie dieses Kunstprojekt.
Prof. Dr. Dr. Walter Wuillemin, Senior Consultant Hämatologie, Luzerner Kantonsspital

Die Praxis hat gezeigt, dass die künstlerische Arbeit dem hohen medizinischen und pflegerischen Standard gerecht werden und gleichzeitig zur ästhetischen Gestaltung der Krankenhausräume beitragen kann. Dazu sammeln die Kuratoren Rückmeldungen aus der Welt der Krankenhäuser. So entstehen aus Erfahrungen neue Kunstwerke, die sich in einer ganz anderen Realität als in Museen und Galerien behaupten müssen. Die Wechselausstellungen in den Kantonsspitälern unter der kuratorischen Leitung von Wetz und Silas Kreienbühl verstehen sich folgerichtig als fortlaufende künstlerische und kuratorische Forschungsarbeit.

«Kunst im Spital» wird damit zugleich zu einer der wenigen großen und langfristig angelegten künstlerischen Untersuchungen von Kunst im öffentlichen Raum. Empirische, d.h. aus Erfahrung gewonnene Erkenntnisse aus Feedback und Reaktionen fließen laufend in die weitere Arbeit der Künstlerinnen und Künstler ein, die Ausstellungssituation im öffentlichen Raum des Luzerner Kantonsspitals ist zu einem festen Bestandteil des künstlerischen Entwicklungsprozesses geworden. Diese zeitliche Dimension wie auch die Tiefe der Auseinandersetzung führen zu immer relevanteren und spannenderen Arbeiten.

Eine wichtige Forschungsanordnung für Erkenntnisgewinn für Kunst in einem öffentlichen Bereich für ein sehr breites Publikum.
Silas Kreienbühl, Künstler und Kurator, Leiter «Kunst im Spital»

Die Wirkung von Kunst in Krankenhäusern ist bisher nur sporadisch erforscht, es gibt wenig gesicherte Erkenntnisse, die modernen wissenschaftlichen Standards genügen. Aber alle, die sich mit den Werken der künstlerischen Forschungsarbeit «Kunst im Spital» auseinandergesetzt haben, sind herzlich eingeladen, ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken einzubringen und so an der stetigen Weiterentwicklung dieses künstlerisch und gesellschaftlich wertvollen Projekts von Kunst im öffentlichen Raum mitzuwirken, das weit über den Kanton Luzern und die Schweiz hinaus von großer Bedeutung ist.

Text von Timon R. Böse, Kunsthistoriker – Berlin, 2025

Timon R. Böse

Böse ist Jahrgang 1980, wuchs in Berlin auf. Er studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Berlin und Genf. Als Marketingchef und Ausstellungskurator wurde er gleich nach seinem Abschluss 2006 in der Kunstszene Berlins aktiv und arbeitete für eines der größten Ausstellungshäuser der Stadt. Heute ist er Herausgeber, Autor und Gallery Manager.