«Verbunden durch Licht und Gedanken: Zeit, Distanz, Natur»
Ortsspezifische Installation mit Bodentafel und Bergbeschriftung
2026 | Silas Kreienbühl | Messing mit brünierter Gravur, Vinylfolie auf Glas | Bodentafel Durchmesser 32 cm, Bergbeschriftung über die ganze Fensterfront
«Das immanente Thema dieses Raumes ist das Verhältnis des Menschen zur Natur.»
Ausgangspunkt sind die real sichtbaren Berge in der Ferne. Man befindet sich in einem Innenraum und hinter Glasscheiben – geschützt vor den Einflüssen der Natur und in grosser Distanz zur rauhen Bergwelt. Und trotzdem begibt man sich über die visuelle Ebene in eine Beziehung dazu.
Örtlich befinden wir uns inmitten einer grossen Spitalanlage. Auch hier werden wir immer wieder mit der Natur in Beziehung gebracht. Der menschliche Körper ist Teil davon; Prozesse von Gesundheit, Krankheit und Regeneration sind biologische Vorgänge und Ausdruck eines kontinuierlichen Verhältnisses zur eigenen Natur.
Das Foyer im 3. Obergeschoss des Hauptgebäudes verbindet die distanzierte Wahrnehmung der Landschaft mit der unmittelbaren Erfahrung des eigenen Körpers.
Der Ort
Das Panoramafoyer ist ein Ort des Wartens, der Veranstaltungen, des Durchatmens – mit einem aussergewöhnlichen Gegenüber: dem offenen Blick auf die Berge. Dieser Blick ist nicht Dekoration. Seit Ulrich (1) wissen wir, dass der Ausblick in Landschaft messbar zur Genesung beitragen kann. Das Foyer besitzt also bereits eine Ressource. Sie ist bisher nur nicht weiter erschlossen.
Die Distanz
Was hier so nah erscheint, ist weit: Der Horizont reicht von Bergrücken wenige Kilometer vor der Stadt bis zu Gipfeln in über fünfzig Kilometern Entfernung. Der Raum zwischen Fensterscheibe und Tödi ist eine Landschaft aus Seen, Tälern und Graten. Unsichtbar zusammengefaltet in ein einziges Bild.
Die Zeit
Was hier gleichzeitig erscheint, ist ungleich alt: Die hellen Kalkwände des Pilatus (2) sind versteinerter Meeresboden, über hundert Millionen Jahre alt. Die Rigi (3) besteht aus den Geröllen noch älterer, längst abgetragener Berge. Der Sockel des Tödi (4) zählt rund dreihundert Millionen Jahre. Und doch ist die Form dieser Berge jung (5) – Täler und Grate entstanden erdgeschichtlich spät. Der Blick aus dem Fenster ist ein Blick durch die Zeit.
Die Natur
Draussen und hier drin.
Im Spital bekommt ein dritter Gedanke Gewicht: Der Körper, der hier steht, teilt Elemente mit dem, was er betrachtet. Er besteht grösstenteils aus Wasser und trägt ein Kilogramm Calcium in sich, gebunden in Apatit, wie er auch im Gestein vorkommt. (6) Nur die Uhren gehen anders: Der Berg misst in Jahrmillionen, der Körper in Herzschlägen und Atemzügen. Natur schaut auf Natur.
Die Verbindung
Was überbrückt diese Spannweiten, die Kilometer, die Jahrmillionen, den Unterschied der Uhren? Der Blick selbst. Physikalisch ist er Licht, das die ganze Distanz in einem Sekundenbruchteil durchquert (7); im Kopf wird er Gedanke, der die Zeiten zusammenhält. Es braucht nichts weiter.
«Verbunden durch Licht und Gedanken: Zeit, Distanz, Natur.»
Der Blick in die Vergangenheit
Eigentlich ist jeder Blick aus diesem Fenster eine Art Zeitmaschine. Das Licht des Tödi braucht eine fünftausendstel Sekunde bis hierhin. Wir sehen den Berg also nie ganz in der Gegenwart, sondern immer so, wie er einen winzigen Augenblick zuvor war. Wer in den Himmel schaut, reist noch viel weiter zurück: Die Sonne sehen wir, wie sie vor acht Minuten war. Ferne Sterne, wie sie vor Jahren waren. Das Auge blickt immer in die Vergangenheit. Nur die Entfernung entscheidet, wie weit zurück.
Das eigene Jetzt
Nach Einsteins Theorie gibt es kein allgemeingültiges Jetzt, das für das ganze Universum gleichzeitig ist. Der Grund liegt in Einsteins Entdeckung über das Licht: es ist eine Konstante, und nichts ist schneller. Man stelle sich vor, an zwei Berggipfeln schlägt gleichzeitig ein Blitz ein. Wer genau in der Mitte steht, sieht beide im selben Moment. Für ihn waren sie gleichzeitig. Wer sich aber auf den einen Gipfel zubewegt, dem kommt dessen Licht ein wenig früher entgegen. Für ihn blitzte es dort zuerst. Beide haben recht, und es gibt keine höhere Instanz, die entscheidet, was wirklich zuerst war. So hat jeder Ort, jeder Mensch sein eigenes Jetzt.
«Wer hier auf diesem Punkt steht und auf die Berge schaut, erschafft in diesem Moment sein eigenes Jetzt. Die Verbindung zwischen dem Berg dort draussen und dem Menschen hier entsteht erst im Blick.»
Die Einordnung in den Kosmos
Was hier als Standpunkt am Boden beginnt, lässt sich ins Unermessliche verlängern. Denn das Prinzip bleibt überall dasselbe: Sehen heisst, Licht aus der Vergangenheit zu empfangen. Misst man Entfernung in der Zeit, die das Licht braucht, ordnet sich der Bergblick in eine grössere Hierarchie ein, die vom Foyer bis an den Rand des Sichtbaren reicht: Tödi 0,18 Millisekunden, Mond 1,3 Sekunden, Sonne 8 Minuten, Proxima Centauri 4,2 Jahre, kosmische Hintergrundstrahlung 13,8 Milliarden Jahre.
«Der Standpunkt im Spital wird so auch ein Standpunkt im Universum: ein Ort, von dem aus sich der eigene Körper, die Berge und der Anfang der Zeit in ein und demselben Blick zusammenfinden.»
- 1 | Ulrich, R. S. (1984): View through a window may influence recovery from surgery. Science 224, 420–421.
- 2 | Pilatus: Kalkwände als versteinerter Meeresboden, über 100 Mio. Jahre. Bundesamt für Umwelt BAFU: Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN), Objektblatt 1605 «Pilatus». Bern. (Schrattenkalk der Kreide, Fossilien des Tethys-Meers, helvetische Decken.) Lithostratigraphisches Lexikon der Schweiz: Schrattenkalk-Formation. swisstopo, www.strati.ch. (Alter Barremium/Aptium, Typusregion Pilatus.)
- 3 | Rigi: Berg aus den Geröllen älterer Alpen, ca. 25–30 Mio. Jahre Garefalakis, P. & Schlunegger, F. (2018). Link between concentrations of sediment flux and deep crustal processes beneath the European Alps. Scientific Reports 8, 183. DOI: 10.1038/s41598-017-17182-8 Universität Bern, Institut für Geologie, Medienmitteilung «Rigi: Versteinerte Flüsse zeichnen die Landschaftsentwicklung auf» (9. Januar 2018)
- 4 | Tödi-Sockel: Aarmassiv, rund 300 Mio. Jahre Labhart, T. P. (2009). Geologie der Schweiz. 8. Aufl., Ott Verlag, Bern. (Granitische Komplexe des Aarmassivs: Intrusionsalter 333–295 Mio. Jahre, Karbon; Altkristallin noch älter.) Labhart, T. P. (1977/2004). Aarmassiv und Gotthardmassiv. Sammlung Geologischer Führer 63, Borntraeger, Stuttgart.
- 5 | Die Form der Berge ist jung (ca. 5 Mio. Jahre) Studie wie Nr. 3: Die heutige Gestalt der Alpen mit steilen V-förmigen Tälern entstand während ungefähr fünf Millionen Jahren. Das zentrale Ergebnis der Studie von Garefalakis und Schlunegger (Universität Bern), die dafür Tausende Gerölle an der Rigi analysierten.
- 6 | U.S. Geological Survey: The Water in You: Water and the Human Body. USGS Water Science School. https://www.usgs.gov/special-topics/water-science-school/science/water-you-water-and-human-body | Institute of Medicine (1997): Dietary Reference Intakes for Calcium, Phosphorus, Magnesium, Vitamin D, and Fluoride. Washington, DC: National Academies Press. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK109827/ | Ladenburger, S., Marks, M. A. W., Upton, B., Hill, P., Wenzel, T. & Markl, G. (2016): Compositional variation of apatite from rift-related alkaline igneous rocks of the Gardar Province, South Greenland. American Mineralogist 101, 612–626.
- 7 | Der am entferntesten sichtbare Gipfel (Tödi) ist ca. 54.4 km entfernt. Für diese Distanz braucht das Licht ca. 0,18 Millisekunden, um im Auge einzutreffen.